Eingeladen - Die Geschichte einer Flucht

Die Josua Gemeinde Bautzen hat Bautzener und Flüchtlinge zum Musical eingeladen

25.Dezember 2016, 7.00 Uhr. Feiertagsruhe liegt über Bautzen, auf den Straßen ist kaum ein Mensch zu sehen. Anders im Deutsch-Sorbischen Volkstheater. Dort herrscht emsiges Gewusel: Kulissen werden aufgebaut, Requisiten geschleppt, Instrumente gestimmt, Ton- und Lichttechnik eingestellt. Schauspieler, Tänzer und Chorsänger bereiten sich auf ihren Einsatz vor. Doch es sind nicht die Gesichter, die man sonst im Theater sieht - hier wird von begeisterten Laiendarstellern eine Aufführung besonderer Art vorbereitet. Ein Musical, das zugleich ein Weihnachtsgottesdienst ist, soll um 10.30 Uhr über die Bühne gehen und Bautzener Einwohner und Bewohner der umliegenden Flüchtlingsheime gleichermaßen ansprechen. 

Mitglieder der Josua Gemeinde, einer freikirchlich-evangelischen Pfingstgemeinde aus Bautzen, haben gemeinsam mit Freunden eine intensive und spannende Zeit der Vorbereitung hinter sich. Da war als erstes die Idee, persönliche Verbindungen zu knüpfen zwischen Bautzenern und Flüchtlingen aus Syrien, Irak, Afghanistan und vielen anderen Ländern. Was liegt da näher, als diese Menschen als Gäste einzuladen? Vielleicht sogar zum Weihnachtsfest?

Daraus entstand dann der Plan, die Weihnachtsgeschichte so zu erzählen, dass die Flüchtlinge sich selbst darin wiederfinden. 

Denn die Weihnachtsgeschichte ist auch die Geschichte einer Flucht: Zuerst muss Josef mit seiner hochschwangeren Frau Maria eine beschwerliche Reise unternehmen, weil Kaiser Augustus seine Steuereinnahmen schätzen lassen will. In seinem überfüllten Geburtsort Bethlehem finden sie keine Unterkunft und Maria muss ihr Kind unter improvisierten und nicht sehr hygienischen Umständen zur Welt bringen. Dann wird das Leben des Kindes bedroht, weil König Herodes um seine Macht fürchtet. Auf abenteuerliche Weise flieht die kleine Familie nach Ägypten. Eingewoben in die Geschichte sind Dinge, die Flüchtlinge vielleicht so oder ähnlich erlebt haben: Eine Fahrt übers Meer in einem kleinen Boot.  Ämter mit bürokratischen Verwirrungen. Ein korrupter Beamter, der der Familie die Schätze aus der Tasche zieht, die die Weisen aus dem Morgenland dem Jesuskind geschenkt hatten. Aber auch dieser Beamte ist von Gott geliebt und bekommt 30 Jahre später die Chance noch einmal ganz neu anzufangen: Er darf Jesus in sein Haus und in sein Herz einladen und erfährt Vergebung.

Die Geschichte, dargestellt mit Schauspiel und Tanz, musikalisch unterstützt durch Band und Chor, zieht das Publikum in ihren Bann. Für Verständnis der Texte sorgen Programmhefte in fünf Sprachen, eine Simultanübersetzung in Englisch Arabisch und Persisch sowie die viersprachige Projektion der Dialoge an der Videoleinwand. Katrin Otto aus Salzenforst schildert ihre Eindrücke im Theatersaal so: "Es war schon ein besonderes Gefühl, da mitten unter diesen bunten Menschen zu sitzen. Hinter uns saßen die jungen Leute aus dem Heim in Döberkitz. Sie waren mucksmäuschenstill und folgten gebannt dem Geschehen auf der Bühne. Dass einige der Schauspieler auch Flüchtlinge waren wie sie selber, schien sie besonders zu beeindrucken. Doch als zum Schluss Lieder in arabischer und persischer Sprache erklangen, wurde es hinter mir lebendig. Darüber haben sich die Jugendlichen sichtlich gefreut."

Nach dem Gottesdienst gab es im Foyer des Theaters die Möglichkeit einander kennen zu lernen. Eine Kontaktbörse vermittelte Flüchtlinge an Familien, die jemanden zu sich nach Hause zum Mittagessen einladen wollten. So kamen interessante Begegnungen zustande. Anne Pawolski aus Grubschütz berichtet: "Bei der Familie meines Vaters in Polen ist das Tradition, zum Weihnachtsessen einen Teller mehr auf den Tisch zu stellen, falls jemand zu Besuch kommen will. So war es für uns selbstverständlich, dass wir jemanden einladen. Bei uns waren zwei Jungs aus Afghanistan zu Gast. Sie sind noch nicht volljährig, einer der beiden wohnt in einer Pflegefamilie. Sie können schon ziemlich gut deutsch. Nach dem Mittagessen haben wir Uno gespielt. Das kann irgendwie jeder. Dabei hatten wir richtig viel Spaß. Jetzt sind wir über Facebook befreundet und einer der beiden, der in seiner Heimat als Elektriker gearbeitet hat, will uns sogar beim Ausbau des Dachbodens helfen."

Und so hat sicherlich jeder, der am ersten Weihnachtsfeiertag Flüchlinge als Gäste an seinem Mittagstisch hatte, ein ganz besonderes Erlebnis zu erzählen. In der Cafeteria und im "Käller" des Gemeindehauses der Josua-Gemeinde sowie an zwei weiteren Orten waren für diejenigen, die keine Gastfamilie gefunden hatten, noch Weihnachtsfeiern organisiert worden.

Circa  400 Zuschauer saßen im Theater. Doch das Musical wurde auch über Livestream im Internet zur Verfügung gestellt. Das heißt, es war eigentlich an jedem Ort möglich sich Weihnachtsgäste einzuladen und mit ihnen gemeinsam dem Gottesdienst zu folgen. 258 Geräte waren im Livestream zugeschaltet.  Die Aufzeichnung der Veranstaltung wird bald auch bei Youtube zu sehen sein.

Ein herzlicher Dank gilt allen, die in die Vorbereitung des Musicals Zeit und Kraft investiert haben. Es ist nicht selbstverständlich, dass Menschen in der eh schon hektischen Adventszeit eine so riesige Aufgabe übernehmen und in ihrer Freizeit Texte und Noten schreiben, Kulissen und Requisiten vorbereiten, als Schauspieler, Tänzer, Band oder Chor proben,  Übersetzungen erarbeiten, an der Technik basteln und vieles mehr. Insgesamt 76 Personen waren am Bühnenprogramm beteiligt (Schauspieler, Chor, Band, Tänzer, Techniker, Kulissenschieber, Live-Übersetzer usw.). Dazu kamen weitere 28 Mitarbeiter, die als Ordner, Kontaktvermittler oder an den Informationsständen zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen haben. Zirka 30 Mitarbeiter halfen nachher noch bei den Weihnachtsfeiern für die Flüchtlinge. Respekt verdient hier die Gemeindeleitung der Josua Gemeinde, allen voran die beiden Pastoren Alf und Clemens Mudrich für den immensen Arbeitsaufwand, der allein für die Organisation und Abstimmung der Teamarbeit notwendig war.

Romana Görlich

www.josua-gemeinde-bautzen.de

Zurück

Letzte Nachrichten

In Tschechien ist was los!

Lisa und ich befinden uns momentan auf unserem Sommer-Missionseinsatz in Tschechien. Wir versuchen, mit der lokalen Gemeinde unter den einheimischen Roma zu missionieren. Das Ziel ist, eine Roma-Gemeinde zu gründen, ein geistliches Zuhause, in denen die Roma …


Weiterlesen …

GEISTbewegt! im August: Mischt euch ein!

Wir können uns glücklich schätzen, in einem Rechtsstaat zu leben, mit Meinungs-und Versammlungsfreiheit, einer freien Presse! Und dann das Privileg, im Rahmen von gesetzlich geschützten Regeln eine Regierung gewaltfrei abwählen und neu wählen zu können. …


Weiterlesen …

„Wegweiser“-Konferenz in Leipzig: Zwei Tage der Ermutigung

In den letzten Jahren erleben wir als „Elim Leipzig“, wie eine gesetzte und eher traditionelle Gemeinde aufblüht, Menschen zum Glauben kommen und die Leidenschaft für Jesus zunimmt. Aus unseren Erfahrungen heraus ist der Wunsch entstanden, die Schritte, …


Weiterlesen …

Sie wollen noch mehr Nachrichten lesen? Hier geht es zu weiteren Artikeln und älteren Meldungen … Pfeil

Aktuelle Nachrichten einfach als RSS-Feed abonnieren:
http://feeds.feedburner.com/BFP-GEISTbewegt