Gemeinde und Gesellschaft im Wandel

Wie sollten wir damit umgehen?

(Im Januar 2016 beschäftigt sich GEISTbewegt mit dem Thema "Mit Veränderungen umgehen". Wir veröffentlichen hier den Leitartikel von Dr. Bernhard Olpen)

„Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.“

Dieses chinesische Sprichwort zeigt die beiden Pole auf, zwischen denen wir uns bewegen, angesichts der großen und teilweise fundamentalen Veränderungen, die unsere Zeit prägen. Die Stichworte sind schnell genannt, um die verschiedenen Dimensionen zu benennen, an die dabei zu denken ist. Die Flüchtlingswelle, die nicht nur die Flüchtlinge verändert, sondern auch uns selbst. Die veränderten Erwartungshaltungen in Bezug auf Führungsstil, Kommunikation und Ausdruck von Zugehörigkeit, die tief in unser Selbstverständnis von Mitgliedschaft und Gemeindeleben hineinragen. Und dann die völlig veränderte Grundeinstellung großer Teile der Bevölkerung zu Ehe, Sexualethik und Erziehung. Angesichts der Fülle und der Grundsätzlichkeit des Wandels um uns herum, liegt eine abwehrende Reaktion nahe. Die leuchtende, prophetische Stimme „inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts“ (Phil 2,15) zu sein – das ist unser Erbe, unsere Wurzel. Diese Position birgt aber auch die Gefahr einer „Wagenburgmentalität“ in sich, aus der heraus die Welt nur noch einseitig als Gefahr wahrgenommen wird. Die Chancen geraten dabei schnell in den Hintergrund. Könnte es nicht sein, dass Gott gerade dabei ist, in unserer eigenen Mitte verkrustete geistliche Formen aufzubrechen? Schon Jesaja ruft dem Volk Gottes seiner Zeit zu: „Denkt nicht an das Frühere und auf das Vergangene achtet nicht! Siehe, ich wirke Neues. Jetzt sprosst es auf. Erkennt ihr es nicht?“ (Jes 43,19).

 

Krise als Chance

Wir sprechen von Flüchtlingskrise und der Sorge vor Überfremdung. Gesellschaftspolitisch gesehen sicher ein ernstzunehmender Aspekt. Aber aus einer Reichs-Gottes-Perspektive gesehen, müssten wir von einer „Flüchtlingschance“ sprechen. Wann hat es das in den letzten Jahrzehnten gegeben, dass eine solche Zahl von Menschen mit muslimischem Hintergrund ihren Weg zu Jesus Christus finden? Drohende Islamisierung, Überfremdung, Zerfall der Gesellschaft in viele multikulturelle Milieus? Dieses Risiko besteht, sicher. Aber auch das andere: Gott schafft sich ein neues Volk aus allen Ländern und Nationen und macht es eins in Christus. Eine Dimension der Ewigkeit, die hier und jetzt vor unseren Augen greifbar wird. Baue ich Mauern oder Windmühlen? Diese Perspektive hat mich als leitenden Pastor bewogen, mich an die Spitze einer Flüchtlingsinitiative in unserer Gemeinde zu stellen. Es entstehen im Moment völlig neue Arbeitsbereiche und wir stellen uns auf eine starke Internationalisierung der Gemeinde ein. Wir sind bereit und sagen Ja zu einer fundamentalen Veränderung. Eine große kulturelle Herausforderung! 

 

Verändertes Führungsverständnis

Nicht weniger fordert uns der soziologische Wandel heraus. Was bedeutet es praktisch, wenn wir heute in einer Post-Postmodernen Phase angekommen sind, wie es Michael Winkler auf der letzten Bundeskonferenz beschrieben hat? Die neue Sehnsucht nach Klarheit, nach Ansagen, nach apostolischer Führung, die nicht nur Autorität ausstrahlt, sondern vor allem Charisma und Begeisterungsfähigkeit. Als Vertreter einer Generation, die auf Führung durch mitunter langwierige Konsensfindung getrimmt wurde, liegt es eigentlich nahe, dass ich hier auf Distanz gehe. Bislang beobachte aber bei jüngeren Kollegen, die sich dafür viel selbstverständlicher öffnen, keinen Machtmissbrauch oder Machtgehabe. Und ich frage mich, ob unser kongregationales Gemeindeleitbild, in dem die Gemeinde als „Souverän“ im Prinzip über der Leitung steht, wirklich das ganze neutestamentliche Zeugnis abbildet? So sehr Konsensbildung auch in Zukunft unverzichtbar bleibt, könnten die Wege dahin in der heutigen Multioptionsgesellschaft nicht anders aussehen als im „Industriezeitalter“?

 

Verändertes Gemeindeverständnis

Ich nehme wahr, dass neuere Gemeinden und jüngere Leiter gerne mit Vorlagen arbeiten: inspirierende Gemeinden, an die man sich anlehnt und die wesentlich zur Klärung der Frage der Visionsfindung beitragen. „Diese Art von Gemeinde wollen wir bauen. Punkt. Wir laden dich ein, einzusteigen, aber der Kurs steht fest, wir werden ihn wegen dir nicht in Frage stellen.“ Ein angebotsorientierter Ansatz, bei dem das Gemeindeglied nicht mehr grundsätzlich an der Entstehung einer Vision beteiligt wird, sondern unter den vorhandenen Gemeinden die aussucht, deren Kurs und Ausrichtung am ehesten zur eigenen Lebenskultur passt. Wer sagt eigentlich, dass das mühselige Puzzeln ohne Vorlage, bei der jeder um seine Lieblingsvariante von Gemeinde kämpft, besser ist? Es ist mir klar, dass diese Entwicklung langjährige Gemeindeglieder herausfordert. Auch, weil die Rolle der ehrenamtlichen Ältesten neu definiert werden muss, damit das Wachstumspotenzial einer Gemeinde nicht durch ihre begrenzte Leistungsfähigkeit eingeschränkt wird. Gemeinden dieser Größenordnung brauchen mehr Handlungsspielräume im operativen Geschäft für die teil- und vollzeitigen Mitarbeiter, eine Differenzierung in gestaltenden Vorstand und begleitenden und unterstützenden „Aufsichtsrat“.

 

Kurs halten

Die größte Herausforderung des Wandels besteht ohne Frage in der rasant fortschreitenden ethisch-moralischen Dekonstruktion des christlichen Abendlandes. Unser Verhalten gegenüber Menschen, die von unseren ethisch-moralischen Standards abgewichen sind, war in der Vergangenheit oft alles andere als vorbildlich. Hier gibt es Grund, Versagen zu bekennen und kalte Rechtgläubigkeit zu beklagen. Als unsere katholische Stadtgemeinde vor Jahren mit dem Slogan an der Kirchentür warb: „Kirche ist der Ort, wo du hingehen kannst, wenn du alles falsch gemacht hast“, habe ich mich geschämt. Denn das kann und konnte man nicht von all unseren Gemeinden sagen. Sündern und Gefallenen in einer herzlichen Willkommenskultur begegnen – das ist die Herausforderung. Jesus hat mit Prostituierten und Zöllnern an einem Tisch gelegen, warum sollte ich das dann nicht können? Ja, es ist eine Chance, dem Wesen Gottes ähnlicher zu werden. Das kann andererseits aber nicht bedeuten, dass der Wind des Wandels uns vom Kurs des Lebens abbringen darf. Nein, das biblische Zeugnis ist nicht verhandelbar. Sünde bleibt Sünde. Drehen wir bitte nicht an der theologischen Schraube, sondern arbeiten wir viel lieber an unserem pastoralen Umgang mit Sünde und Sündern: Wir müssen es noch mehr lernen, erst einmal Menschen zu umarmen, statt uns gleich von ihnen abzugrenzen. Die Botschaft dagegen ist unwandelbar: Kehrt um und ändert euch! Sie sollte dabei aber der Botschaft des Willkommens folgen und nicht vorausgehen.

 

Konsequent handeln

Was hat das für Konsequenzen für den Umgang mit Sünde in der Gemeinde? Ich plädiere für ein angepasstes Instrumentarium der Gemeindezucht. Wenn ein Pärchen ohne Trauschein zusammenlebt, wird das auch heute nicht besser, nur weil alle es tun. Früher war klar, das läuft auf einen Gemeindeausschluss hinaus. Ist der alternativlos? Die Kirche kennt auch das Mittel der Exkommunizierung, also den Ausschluss vom Abendmahl – ohne Verlust der Mitgliedschaft. Der Entzug von Verantwortung, die Begrenzung der Gemeinschaft, etwa durch Verzicht auf Teilnahme an Kleingruppen und eine klare Verkündigung der Standards könnten das flankieren. Ja, natürlich Konsequenz, aber den anderen nicht loslassen, wenn irgend möglich – darum geht es. Vielleicht werden wir dadurch noch viel mehr zu einer Gemeinschaft der Liebenden. Denn wer sucht schon eine Bezugsgruppe ohne Regeln und ohne Grenzen? Und Liebe ohne Wahrheit ist keine Liebe.    

Dr. Bernhard Olpen

 

Dr, Bernhard Olpen, verheiratet mit Febe, zwei erwachsene Kinder, ist leitender Pastor des CZD Düsseldorf, Dozent am Theologischen Seminar Beröa und stellv. Vorsitzender vom Theologischen Ausschuss  des BFP

 

 

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