Große Brandschutzübung in Erzhausen

Große Brandschutzübung in Erzhausen

Es ist 18.11 Uhr. Feuerwehr und Rotes Kreuz melden: Brand im Theologischen Seminar BERÖA, Menschen in Gefahr. Die Feuerwehren in Erzhausen und den Nachbargemeinden Egelsbach und Gräfenhausen, zusätzlich noch die Bereitschaft des Roten Kreuzes, bereiten sich zum Ausrücken vor.

Während sich die Einsatzkräfte auf den Weg zu den Fahrzeughallen und Einsatzfahrzeugen machen, geht unser Blick zur Einsatzstelle. Bis vor fünf Minuten war hier ein ganz normaler Tag: Unterricht, Gespräche, Gebetszeiten, in der Küche die Abendessenversorgung der Kandidatenschulung. Aber einige „Eingeweihte“ sind im 2. Obergeschoss emsig mit Vorbereitungen beschäftigt. Haustechnikleiter Marco Bergelt hilft den Einsatzleitern der Feuerwehr, Dummy-Puppen zu positionieren und Nebelmaschinen anzuschließen. Bernd Blana, zuständig für EDV-Anlagen, hat noch bis vor einer Woche mit Fachkräften aus Hamburg die neue Hausalarmanlage installiert und beobachtet nun genau, ob die Abläufe auch so, wie programmiert, funktionieren. Ich selbst koordiniere als Liegenschaftsverwalter die Aufgaben der Studenten, die sich als „Schauspieler“ zur Verfügung gestellt haben und bespreche letzte Vorgangsabläufe mit den Beteiligten.

Rauch und Räumung

Pünktlich um 18.06 Uhr beginnt sich „Rauch“ in Form von Disco-Nebel auf dem Flur auszubreiten. Er erfasst einen Rauchmelder nach dem anderen und diese lösen umgehend erst einmal örtlichen Alarm aus. Jetzt ist der Melder vor der Brandabschnittstür an der Reihe. Dieser setzt die Hausalarmanlage in Betrieb. Überall hört man auf- und abschwellende Alarmtöne, wie von Geisterhand gesteuert fallen Türen zu. Ein gespenstisches Szenario! Jetzt hat mich der Rauch auch eingehüllt, auf dem Flur sieht man nicht mehr die Hand vor Augen. Im Ernstfall wären wir mit Auslösen des Hausalarms auf die Gefahr aufmerksam geworden und hätten auf der Anzeigetafel sehen können, welche Rauchmelder ausgelöst haben. Bei drei Rauchmeldern ist der ganze Etagenflur betroffen und der Ruf nach der Feuerwehr unerlässlich. Heute erledigt das der Gemeindebrandinspektor, Herr Heinrich, als Einsatzleiter. Um 18.10 Uhr meldet er der Feuerwehrleitstelle die bei Notrufen wichtigen W-Aussagen: Wer meldet? Wo brennt es? Was brennt? Wie viele Menschen sind betroffen? Bei uns sind es viele. Im Haus wohnen normalerweise 60 Studenten, in dieser Woche findet ein Blockseminar statt, da sind es 15 Personen mehr. Ich laufe die Treppe hinunter und rufe allen, denen ich begegne zu, dass sie schnell das Haus verlassen sollen: „Oben ist eine starke Rauchentwicklung!“ Im Erdgeschoss angekommen, bemerke ich, dass die „Kandidaten“ noch beim Abendessen sitzen und durch die bereits zugefallenen Brandabschnittstüren den Alarm gar nicht mitbekommen haben. Im Speisesaal muss also eine eigene Sirene angebracht werden. „Schnell, ihr müsst nach draußen! Wir haben eine starke Rauchentwicklung im Haus!“ Alle brechen sofort auf und folgen mir. Ich mache noch schnell einen Abstecher in das Hauptbüro und greife nach dem Zimmerbelegungsplan.

Sammeln und warten

Draußen auf dem Sammelplatz, der Wiese, ist schon Johannes Schneider, Direktor des TS BERÖA, der den Alarm draußen gehört hat. Ich gebe ihm die Liste und bitte ihn, abzugleichen, wer bereits am Sammelplatz angekommen ist und wer noch fehlt. Johannes beginnt mit lauter Stimme die Namen zu rufen, immer wieder höre ich ein klares Ja oder die Info „Der oder die ist nicht da“ Manche sind gerade unterwegs. Doch in mindestens zehn Fällen, das weiß ich ja, werden Menschen noch im Haus sein und im Ernstfall verzweifelt auf Rettung warten. In der Dunkelheit kann ich einige Personen am erleuchteten Fenster eines Zimmers im 2. Obergeschoss erkennen. Sie rufen zaghaft und nicht verzweifelt genug um Hilfe, finde ich. Einige machen Selfies und ich frage mich, wie schnell die Einsatzkräfte, die bis jetzt noch in der Gewissheit eines Ernstfalls unterwegs sind, merken, dass es eine Übung ist. Unser Hausmeister ist zur Grundstückseinfahrt gelaufen und erwartet die Einsatzfahrzeuge, um diese einzuweisen. Ich verweise immer mehr aus dem Haus kommende Studenten auf den Sammelplatz. Zum Glück gibt es in den Handys kleine Lampen, um das notwendigste sehen zu können. Im Hintergrund höre ich die Martinshörner der anrückenden Einsatzfahrzeuge. Was wohl die Bewohner in der Nachbarschaft denken? Auch sie wissen von nichts.

Es dauert...

Mittlerweile quillt immer mehr Rauch aus den Fenstern eines Zimmers im 2. Stock. in diesem Zimmer wurde eine extra Nebelmaschine aufgestellt, damit alles so realistisch wie möglich aussieht. „Wann kommt denn endlich die Feuerwehr“? fragt ein Student, „das dauert ja eine Ewigkeit“. Ich erkläre ihm, dass die Feuerwehrfrauen und -männer bei dem Alarm ja nicht in der Wagenhalle warten. Sie müssen von zu Hause, aus dem Einkaufszentrum oder wo immer sie sich gerade aufhalten, zuerst zum Stützpunkt fahren, dort ihre Einsatzkleidung anziehen, um dann die Fahrzeuge besetzen und losfahren zu können. Die Erzhäuser Feuerwehr ist am anderen Ortsende stationiert und hat als schnellste rund 3 Minuten Fahrzeit. Aus Gräfenhausen braucht man im Normalfall etwa 10 Minuten, aus Egelsbach, wenn die Bahnschranke nicht geschlossen ist, im besten Fall 6 Minuten. Schnell laufe ich zu Johannes Schneider und lasse mir berichten, wie viele Personen zurzeit noch fehlen. „23 Personen haben sich bei mir noch nicht gemeldet. Aber ein Teil davon ist auch einkaufen gegangen.“

Die Ereignisse beginnen sich zu überschlagen!

18.18 Uhr: Der Einsatzleitwagen des ersten Löschzuges biegt in die Grundstückseinfahrt ein und bezieht Position abseits der Hauptzufahrt. Der Einsatzleiter vom Dienst bekommt von mir eine kurze Einweisung – unter anderem über die fehlenden Personen und die Vermutung, dass mindestens zehn Personen im Haus eingeschlossen sein könnten. Außerdem übergebe ich ihm Universalschlüssel, damit der Rettungstrupp in jedes Zimmer kommt, wenn es verschlossen sein sollte. Im Ernstfall würden die Zimmer mit Gewalt geöffnet. Ein Tanklöschfahrzeug bezieht vor dem Gebäude Stellung. Schnell werden die Türen ringsum geöffnet – jeder kennt seine Handgriffe. Während ein Trupp sofort mit Atemschutzgeräten ausgestattet wird und sich zum Gebäude begibt, bringen die nächsten die erste Leiter in Stellung, um schnell zu den Eingeschlossenen vordringen zu können. Jetzt überschlagen sich die Ereignisse. Ein Löschzug nach dem anderen kommt auf das Gelände. Überall blinken Blaulichter, brummen Motoren. Mit jedem Fahrzeug wird es heller, denn die Fahrzeuge besitzen an den Seiten helle Arbeitslichter. Überall befinden sich Einsatzkräfte, trotzdem entsteht kein Chaos. Jeder weiß, was zu tun ist. Im Einsatzleitfahrzeug höre ich fortwährend Funksprüche. Mehr und mehr Einsatzkräfte melden sich am Einsatzort und bekommen Aufgaben zugeteilt. Mein Blick fällt auf die rückwärtige Zufahrt unserer Liegenschaft. Auch hier sehe ich an den Hauswänden der Nachbarn Blaulichtreflexionen der ankommenden Fahrzeuge. Diese Zufahrt ist wohl dem Roten Kreuz vorbehalten. Ein Rettungswagen nach dem anderen fährt auf unser Grundstück.

Rettungseinsatz

Der Einsatzleiter der Feuerwehr beordert mich zum Einsatzleiter des Roten Kreuzes. „Wir brauchen einen Raum, in dem wir die Evakuierten unterbringen und vor Kälte schützen können“. Erst jetzt fällt mir im Licht der Einsatzfahrzeuge auf, dass tatsächlich ein Student barfuß und andere ohne Jacke nach draußen gekommen sind. „Sie können die Bibliothek belegen. Dort haben Sie einen guten Überblick über die evakuierten Personen,“ empfehle ich dem Einsatzleiter des DRK. Er hat seine Einsatzkräfte schon instruiert und ich sehe sie Verbandmaterial und Fahrtragen vorbereiten. Hinter mir hat sich ein Drehleiterfahrzeug den Weg durch die doch recht eng gewordene Hauptzufahrt gebahnt und geht vor dem Haupteingang in Position. Schnell wird die Drehleiter ausgefahren, die ersten können in den Rettungskorb umsteigen. Gerade drückt mir Johannes Schneider die Belegungsliste in die Hand. An der Zahl der Vermissten hat sich nicht viel geändert. Ich bringe die Liste zum Roten Kreuz. Die Helfer haben begonnen, die Evakuierten in der Bibliothek zu platzieren und sich einen Überblick zu verschaffen. Ich übergebe ihnen die Liste, sie arbeiten damit weiter und versuchen, über die anwesenden Studenten nachzufragen, ob diese wissen, wo sich einzelne noch aufhalten könnten. Draußen werden die ersten „Geretteten“ auf Fahrtragen vorbei zur Erstversorgung gebracht, danach in die Rettungswagen, um in Richtung Klinik auf die Reise gehen zu können.

Abschluss der Übung

Endlich habe ich eine kleine Verschnaufpause und schaue mich in der Nachbarschaft um. Überall stehen Menschen vor den Haustüren, auf den Balkonen. So etwas hat Erzhausen zum Glück seit zehn Jahren nicht mehr gesehen! 2007 war die letzte Übung bei uns. Wie schnell das ganze Realität werden kann, habe ich kurz danach in den Hessennachrichten gehört. In einer südhessischen Klinik hat es gebrannt, Großalarm wurde ausgelöst, etwa 150 Einsatzkräfte waren beteiligt. Bei uns sind es mittlerweile 18 Einsatzfahrzeuge und rund 80 Einsatzkräfte. Als nach etwa zweieinhalb Stunden die Übung zu Ende geht, werden die Einsatzkräfte noch mit Essen versorgt. Alle sind angetan von dem vorbildlichen Ablauf der Übung. Ich bedanke mich für den BFP und die Hausgemeinschaft bei den Beteiligten und bin mir bewusst: Im Ernstfall ist es gut zu wissen, was zu tun ist. Dabei bleibt jedoch zu bedenken, dass die Entscheidungsfindung im Ernstfall durch viel mehr Aufregung erschwert sein wird. Wir danken Gott für seine Bewahrung in all den zurückliegenden Jahren und den Einsatzkräften von Feuerwehr und Rotem Kreuz, dass sie so viele Stunden ehrenamtlich geopfert haben, um im Ernstfall schnell und kompetent helfen zu können. Damit das gelingt, sind Übungen wie diese unerlässlich.

Thomas Siebold, www.bfp.de

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